Schmuggler

Hühnerdraht versperrt die Wohnungen an der Neustraße um 1916, um gegen den Schmuggel vorzugehen (Gemeentearchief Kerkrade)

Das Loch im Westen! Die sündige Grenze! Kaffeefront!
So lauteten die Titel von Filmen, Presseartikeln und Reportagen, wenn über den Schmuggel im Umfeld Aachens berichtet wurde.
Große Preisunterschiede begehrter Artikel begründeten schon immer die Schmuggeltätigkeit.
Die besondere Entscheidung nach dem Wiener Kongress, nämlich eine Grenzlinie mitten durch Ortsbereiche zu ziehen, bot in der Folgezeit ideale Schmuggelmöglichkeiten.
Hier konnte sozusagen der Verkäufer dem Käufer die Ware förmlich über die Grenze reichen. Er brauchte dafür sein Land nicht einmal zu verlassen.
Immer dann, wenn die Grenze aufgrund der politischen Situation nicht hermetisch abgeschlossen war, tummelten sich auf der Neustraße die Schmuggler und die wenigen Zöllner waren der großen Anzahl einfach nicht gewachsen.
Freibeträge führten zu Massenspaziergängen über die Grenze und Kinder schwänzten die Schule, weil sie mehrmals am Tag die Grenze für einen Schmuggelauftrag überschritten. Großschmuggler fanden ihre eigenen Methoden und Wege, um den Zoll zu umgehen oder zu hintergehen.

Peter Dinninghoff

Um den Schmuggel zu verhindern, wurden Fenster und Türen an der Nieuwstraat (NL) während des ersten Weltkriegs sogar mit Kaninchendraht zugenagelt, und sowohl die Deutschen als auch die Niederländer errichteten jeweils einen Zaun auf der Neustraße.
Während des zweiten Weltkriegs und der Folgezeit stand nur ein Zaun zur Absicherung auf der Neustraße. Dadurch konnte Schmuggelware direkt aus den Fenstern über den Zaun auf die deutsche Seite geworfen werden oder die Schmuggelware wurde direkt durch den Zaun gereicht.
Gerade Kinder wurden gerne für den Schmuggel an der Grenze eingesetzt, da sie unauffälliger direkt an dem Zaun miteinander spielten. So flogen Bälle von einer Seite zur anderen, in denen z. B. Kaffeebohnen versteckt waren.

Neustraße ca. 1916 (Gemeentearchief Kerkrade)

Europas verkehrsreichste Schmuggelstraße:

Der Ruf der Neustraße als große Schmuggelstraße veranlasste auch die niederländische Zollbehörde, sich vehement gegen den Abbau der Grenzbefestigungen zu stellen.

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Zeitzeugenbericht

Zeitzeugen – Willi Beetz

Willi Beetz wohnte als Kleinkind in der Mitte zwischen Josefstraße und Voccartstraße. Eine ältere Nachbarin schickte ihn öfter, Pakete aus einer Wiese zu holen. Diese Pakete waren zuvor von einer Frau auf der niederländischen Seite über den Zaun geworfen worden. Für Kinder war es unauffälliger, wenn sie über die Wiesen und Äcker liefen, als wenn ein Erwachsener dies tat. Die Zöllner achteten nicht so sehr auf die Kinder, die daher für den Schmuggel gerne in Anspruch genommen wurden. So brachte er regelmäßig der Nachbarin Kaffee/Butter.

Direkt an der Neustraße, Hausnummer 95/97 lagen auch die Dienstwohnungen der Zöllner. Es wurde nicht gern gesehen, wenn mit den Kindern der Zöllner gespielt wurde. Willi Beetz spielte aber dennoch mit einem Jungen, dessen Vater Zöllner war, da auf der deutschen Seite in seiner direkten Nachbarschaft nicht so viele Kinder wohnten. Hinter den Zollwohnungen waren im Garten auch die Zwinger der Diensthunde und in den Gärten haben die Jungen oft miteinander gespielt. Willi wurde auch oft von den Beamten auf dem Dienstfahrrad mitgenommen.